SV Winnenden 1848 e.V.
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Abteilung Leichtathletik

Mit Sport den Körper ausgetrickst - 13-jährige Schwaikheimerin Helen Groth trainiert Leichtathletik bei der SV Winnenden / Schon mehrfach Titel gewonnen

von Diana Feuerstein    Quelle: www.zvw.de

Wenn sie geht, zieht sie ihr linkes Bein etwas nach. „Meine Lieblingsdisziplin ist der Sprint“, sagt die 13-jährige Helen Groth und lächelt. Seit eineinhalb Jahren trainiert die Schwaikheimerin Leichtathletik bei der SV Winnenden. Im vergangenen Jahr hat sie bei den württembergischen Hallenmeisterschaften des Behindertensportverbands teilgenommen und ist auf Anhieb Meister im Kugelstoßen geworden. Helen Groth trägt einige Kugeln in der Hand, während sie mit ihren Teamkameraden über den Platz im Herbert-Winter-Stadion schlendert. Zwei Stunden Training liegen hinter ihr. Diesmal gab es unter anderem Übungseinheiten im Kugelstoßen. „Sie macht alles mit und ist sehr ehrgeizig“, lobt Trainer Carsten Engelke sie. Zusammen mit Silvia Wundel trainiert er die U-16-Leichtathletik bei der Sportvereinigung (SV). Bei Inklusionswettkämpfen wiegt Helens Kugel zwei Kilogramm anstatt drei. Beim Diskuswerfen ist ihre Scheibe 750 Gramm schwer anstatt einem Kilo, wie es in ihrer Altersklasse erforderlich wäre. „Das finde ich gut“, sagt Helen. „So kann ich mich mit Gleichaltrigen messen!“ Helen leidet an einer Diparese – einer Teillähmung beider Beine. Wie es dazu kam, weiß man nicht genau. Vermutlich erlitt sie bei der Geburt eine Hirnblutung und dadurch eine Hirnschädigung, die sich erst mit der Zeit bemerkbar machte. Helens Mutter Maritta Groth ahnte schon früh, dass irgendetwas nicht stimmte. Da war Helen drei Wochen alt. Von Sohn Joshua, der zwei Jahre älter ist als Helen, kannte sie Bewegungsstrukturen, die bei ihrer Tochter fehlten. Die Ärzte gingen zunächst von einer Entwicklungsstörung aus. „Erst als Helen mit 18 Monaten noch immer nicht laufen konnte, hat man uns geglaubt“, erinnert sich Maritta Groth. Seit Helen drei Monate alt ist, erhält sie Physiotherapie, dafür haben sich die Eltern eingesetzt. „Das hat sie wahrscheinlich vor dem Rollstuhl gerettet“, meint Maritta Groth. Zwischendurch hatten Ärzte geäußert, dass sie vielleicht nie laufen könne. Laufen hat Helen im Alter von drei Jahren gelernt. Heute braucht sie nicht einmal Orthesen oder andere Hilfsmittel. „Wir haben sie immer alles ausprobieren lassen“, erinnert sich Vater Jens Groth. Da sie noch nie der Rosa-Tutu-Typ war, wie Mutter Maritta ihre Tochter einschätzt, ist sie schließlich zu den Sportfreunden Schwaikheim gestoßen. Zunächst trainierte sie bei den Minis Handball, später bei der Jugend. Zum Schluss hatte sie Schwierigkeiten, sich im Mannschaftssport zu behaupten. Hinzu kam die Tatsache, dass alle Klassenkameraden der ersten Mannschaft angehörten, Helen der zweiten – dem Team der Jüngeren. Durch eine Schulfreundin hat sie zur Leichtathletik gefunden. „Ich habe es nicht bereut“, sagt die 13-Jährige. Mittlerweile trainiert sie zweimal pro Woche. Zunächst kletterte sie außerdem in Korb, aber mit dreimal Mittagsschule in der Woche (Helen besucht die siebte Klasse des Lessing-Gymnasiums), wurde es zu viel – zumal sie sich auch noch bei der Schwaikheimer Jugendfeuerwehr engagiert. Während sie früher eine Integrationskraft hatte, meistert sie heute den Schulalltag alleine. „Meine Freunde kennen mich nur so und halten zu mir. Ich versteh mich mit allen aus der Klasse gut“, so Helen. „Hier bei der SV wird sie genauso unterstützt und begleitet wie alle anderen Jugendlichen auch“, sagt Maritta Groth. Im vergangenen Jahr ist Helen zum ersten Mal bei einem großen Wettkampf angetreten: den württembergischen Leichtathletik Hallenmeisterschaften für Menschen mit  Handicap. In der Disziplin Kugelstoßen hat sie es auf Anhieb aufs Siegerpodest geschafft, beim 50-Meter-Lauf und Weitsprung wurde sie Zweite und das, obwohl sie Weitsprung nicht so gerne macht, wie sie verrät. Dieses Jahr hat sie ihren Meistertitel verteidigt und hat zudem den Sieg beim Weitsprung mit nach Hause nehmen können. Im April war sie mit Trainerin Silvia Wundel beim Jugend-Länder-Cup in Rostock und hat es in ihrer Altersklasse auf den zweiten Platz geschafft. Nun hat sie der Landestrainer des Württembergischen Behindertensportverbands im Herbst zu Jugend trainiert für Paralympics eingeladen. Es sind solche Momente, „die für mich etwas ganz Besonderes sind“, findet Helen. Dazuhin tritt sie bei Wettkämpfen mit ihren Teamkollegen an. Ist der Wettkampf mit dem Zusatz Inklusion ausgeschrieben, wird sie gemäß ihrer Leistung mit den anderen verglichen und bewertet. Ansonsten nimmt sie außer Konkurrenz teil. Durch den Sport hat sie gelernt, über sich hinauszuwachsen, den Körper mit etwas Training auszutricksen und mit einer Siegerurkunde als Beweis dafür, dass es ihr geglückt ist, nach Hause zu fahren. Das Gefühl begleitet sie im Wasser, weshalb sie für ihr Leben gerne taucht.

Die Schwaikheimerin Helen Groth trainiert bei der SV Winnenden Leichtathletik. Von Wettkämpfen für Menschen mit Handicap hat sie schon mehrfach einen Titel nach Hause genommen.

Im Training lässt sie sich kaum etwas anmerken: Helen Groth (Dritte von links) bei einer Kraftübung mit ihrer U-16-Gruppe der SV Winnenden.

Bilder: Habermann


Württembergischer Behindertensportverband

  • Der Württembergische Behinderten- und Rehabilitationssportverband (WBRS) verzeichnet nach eigenen Angaben mehr als 25 500 Mitglieder in rund 400 Vereinen. Sein Angebot richtet sich etwa an Krebsnachsorgepatienten, Blinde, Amputierte, Diabetiker oder Menschen mit geistiger Behinderung. Unter anderem unterstützt er Sportarten wie Blindenfußball, Rollstuhlbasketball, Para-Leichtathletik oder Handbike.
  • Beim Thema Inklusion sieht sich der Verband als Ansprechpartner, wenn es um das Miteinander von Menschen mit und ohne Behinderung geht. So steht Helen Groth Landestrainer Thomas Strohm zur Seite.
  • Außerdem richtet der Verband Wettkämpfe auf regionaler, Landes- und Bundesebene sowie internationale Turniere aus. Gefördert werden unter anderem Paralympic-Teilnehmer wie Niko Kappel, Mannschaften im Ligaspielbetrieb sowie Teilnehmer in den unterschiedlichen Landeskadern.
  • Der Verband ist sowohl im Breitensport aktiv wie auch im Rehabilitationssport, wobei er Menschen unterstützt, bei der Problematik einer erworbenen Behinderung zurechtzukommen.

Quelle: WBRS